Bürgerdialog Bahnhof – Ein Rückblick

- 09.04.2020 - 

Interview mit Thilo Becker, städtischer Leiter des Fachbereichs Tiefbau und Verkehr

Beim Bürgerdialog Bahnhofsquartier im Februar standen die Planungsziele und künftigen Varianten der Verkehrsführung im Mittelpunkt. Mittlerweile sind die Diskussionsergebnisse aufgearbeitet und die Dokumentation sowie die Unterlagen zur Veranstaltung können online unter www.offenburg.de/buergerdialog-bahnhofquartier abgerufen werden.

 

Thilo Becker, städtischer Leiter des Fachbereichs Tiefbau und Verkehr, erzählt im Interview, wie er die Ergebnisse einordnet.

                          

F: Herr Becker, wie zufrieden sind sie mit der Veranstaltung?

A: Für uns war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Schon allein die Anzahl der Teilnehmer zeigt, dass das Thema in der Bevölkerung angekommen ist und die Offenburger Bürgerschaft beschäftigt. Durch das gewählte Format konnten wir mit vielen kleineren Gruppen innerhalb kürzester Zeit sehr viele spannende Diskussionen führen. Wir haben einen guten Überblick gewinnen können, welche Aspekte den Teilnehmenden besonders wichtig waren und wir haben auch einige neue Ideen und Anregungen aufgenommen.

 

F: Und was beschäftigt die Offenburger besonders?

A: Wir haben die Ziele ja in sechs Themenfelder unterteilt und mit Klebepunkten die Teilnehmer darum gebeten, ihre drei wichtigsten Ziele zu markieren. Die meisten Klebepunkte wurden in den Themenfeldern „Kfz-Verkehr“ und „Bus und Bahn“ vergeben. Beim „Kfz-Verkehr“ hat dabei das Ziel „Belastung für Anlieger verringern“ die meisten Punkte erreicht, dicht gefolgt von „Parken und Halten neu organisieren“ und „Verkehrsfluss großräumig gewährleisten“. Im Themenfeld „Bus und Bahn“ hat uns vor allem neben der hohen Bedeutung des naheliegenden Ziels „kurze Fahrzeiten anstreben / Taktung erweitern“ überrascht, dass dem Thema „attraktives Tarifsystem und einfaches Ticketing“ relativ viele Punkte gegeben wurden, obwohl wir es gar nicht vorgegeben hatten. Es ist ja auch im engeren Sinne kein Planungsziel für eine Infrastrukturmaßnahme. Aber es gehört natürlich zu einem attraktiven ÖPNV dazu.

 

F: Wie sieht es bei den anderen Themenfeldern aus?

A: Die Themenfelder Radverkehr, Freiraum und Umwelt, Fußverkehr und Städtebau und Stadtgestaltung waren ebenfalls stark nachgefragt. Beim Radverkehr bestand das größte Interesse an durchgängigen, sicheren Wegeführung. Aufenthaltsqualität und Sicherheit steht im Themenfeld Freiraum und Umwelt ganz oben. Man darf aber nicht vergessen, dass der Bewertung ja auch eine Diskussion in Kleingruppen vorangegangen ist. Dabei war grundsätzlich zu allen Planungszielen eine breite Zustimmung erkennbar, wenngleich auch Verständnis dafür gezeigt wurde, dass sich nicht alle Planungsziele verwirklichen lassen werden. Denn die Ziele stehen ja teilweise auch in harter Konkurrenz zueinander – gerade im Hinblick auf die verfügbaren Flächen.

 

F: Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden verschiedene Varianten vorgestellt. Wie verliefen hier die Diskussionen?

A: Richtig, wir haben hier die Komplexität der Aufgabenstellung auf die drei entscheidenden Stellschrauben komprimiert: Ist der ZOB künftig im Norden oder im Süden? Läuft der Durchgangsverkehr im Quartier oder ist er verlagert? Wird künftig eine sogenannte Nordquerung vorhanden oder nicht? Jede dieser Stellschrauben hat unterschiedlichen Einfluss auf die Themenfelder – beispielsweise ist die Lage des ZOB für das Themenfeld Bus und Bahn sehr wichtig, spielt aber für den Kfz-Verkehr nur eine untergeordnete Rolle.

Dementsprechend liefen auch die Diskussionen zu den einzelnen Stellschrauben ganz unterschiedlich. Bei der Frage nach dem ZOB-Standort bevorzugten viele Teilnehmenden eher den Standort im Süden, vor allem, da dieser näher an der Innenstadt liegt. Die Argumente, die für den nördlichen Standort sprechen wie die größere Flächenverfügbarkeit wurden von den Teilnehmenden genauso akzeptiert und gewürdigt.

Deutlich kontroverser liefen die Diskussionen bei den beiden Stellschrauben zum Kfz-Verkehr. Vorteile bei der Verlagerung werden vor allem für die Verkehrsberuhigung des Quartiers und damit einhergehend auch für die Verkehrssicherheit und eine attraktive Stadtgestaltung gesehen. Auf der anderen Seite stellte sich die Notwendigkeit einer Ost-West-Verbindung als wesentliches Argument für die Beibehaltung des Durchgangsverkehrs oder die Realisierung der Nordquerung heraus.

 

F: Was glauben sie persönlich, wie der ZOB und das Bahnhofsquartier nach der Fertigstellung aussehen werden?

A: Wenn Sie auf die drei genannten Stellschrauben anspielen: Hier sind noch keine eindeutigen Tendenzen erkennbar. Die Teilnehmenden haben einige neue Fragen aufgeworfen, die noch planerisch beantwortet werden müssen. Entsprechend stehen die entsprechenden Entscheidungen noch aus. Aber davon abgesehen, wie hier entschieden wird – ich bin fest davon überzeugt, dass wir ein hoch attraktives Quartier mit einer exzellenten Mobilitätsdrehscheibe erhalten werden. Das heißt nicht nur ein toller ZOB, sondern auch ein modernisierter Wohlfühlbahnhof, zahlreiche funktionale Radabstellanlagen, klare, sichere Wegeführungen und viele weitere mobiltätsaffine Funktionen wie Mobilitätsstation(en), Mobilitätszentrale, Fernbushalt, Parkierungsanlage usw. Das alles wird natürlich barrierefrei, angenehm gestaltet und großzügig wirken. Das alles wird dazu führen, dass wesentlich mehr Menschen die Angebote vor Ort nutzen und so den Raum um den Bahnhof herum beleben. Zusätzlichen Komfort könnte zum Beispiel noch eine flächenhafte Überdachung des ZOB bringen…aber da sind wir bei Themen, die wir nicht jetzt und auch nicht im nächsten, sondern vielleicht im übernächsten Schritt diskutieren.

 

F: Und welche Schritte stehen jetzt konkret an?

A: Wir wollen jetzt die beauftragten Untersuchungen abschließen, dann wird der Gemeinderat entscheiden. Diese Entscheidungen werden sich zunächst einmal auf die genannten drei Stellschrauben beziehen. Sie sind für uns Planer wichtig und insofern dringend, als dass wir hier entsprechende Vorgaben brauchen, um weiter vertiefend planen zu können.

Leider hat uns auch hier die Corona-Krise eingeholt, die zur Absage einiger Gremientermine geführt hat. Da wir noch nicht wissen, wann und in welcher Form die Gremien wieder tagen, können wir leider momentan auch nicht abschätzen, wann die Entscheidungen getroffen werden können. Wir hoffen auf einen möglichst zügigen Verlauf, wobei natürlich die Maßnahmen zum Schutze der Gesundheit Vorrang haben.