Kaum Rückzugsmöglichkeiten

- 23.04.2020 - 

Corona-Krise fordert die Verantwortlichen des Obdachlosenheims in der Vogesenstraße ganz besonders h

Die Corona-Krise hat schlagartig vieles Gewohnte auf den Kopf gestellt, berichtet die Leiterin des Ursulaheims, Julia Karlhuber: „Wir bewegen uns in dem Spannungsfeld, unsere Bewohner, Kolleg/innen und Mitarbeiter/innen zu schützen und gleichzeitig in der Pflicht, den Menschen weiterhin die Hilfe zukommen zu lassen, die wir möglich machen können und die sie benötigen.“

Lächeln! Freundlichkeit ist auch in Corona-Zeiten angesagt.

Viele Unsicherheiten begleiten jeden von uns, erläutert Karlhuber, und vieles, was vorher selbstverständlich war, müsse nun neu geregelt werden. Das betreffe in besonderer Weise auch die Wohnungslosenhilfe St. Ursula-Heim des agj-Fachverbands für Prävention und Rehabilitation in der Erzdiözese Freiburg e.V. Es gehe um Menschen, die ohne Obdach und Schutz auf der Straße leben und im Zweifelsfall keine Möglichkeit eines Rückzugs haben.

Dazu komme, dass viele Nutzer im stationären Bereich, wie diejenigen, die die Angebote der Ambulanten Hilfe in Anspruch nehmen, Vorerkrankungen haben und deshalb besonders gefährdet sind. Aus diesem Grund wurden  Maßnahmen ergriffen, die einen bestmöglichen Schutz sicherstellen aber auch Hilfe anbieten können. Diese Maßnahmen sollen vorübergehend sein und müssen, je nach Situation und Entwicklung gegebenenfalls revidiert, erneuert oder angepasst werden, führt die Leiterin der Einrichtung aus.

Im St. Ursula-Heim wurden beispielsweise Abstandsmarkierungen auf den Böden des Speisesaals und der Cafeteria angebracht, Gespräche und Beratungen finden in den Büros unter Berücksichtigung des Mindestabstands statt. Gleichzeitig sah man sich gezwungen, die Möglichkeit der spontanen Notübernachtungen nachts einzustellen. Notübernachtungen und Anfragen seien allerdings weiterhin telefonisch tagsüber möglich. „Außerdem haben wir ein Besuchsverbot veranlasst und auch auf die Annahme von Sachspenden der Bevölkerungen müssen wir zurzeit verzichten“, so Karlhuber.

Bei der Wärmestube ist es möglich, an Werktagen zwischen neun und zwölf Uhr Fachberatung in Anspruch zu nehmen. Ebenfalls ist eine Grundversorgung in den Räumlichkeiten der Ambulanten Hilfe, wie Duschen, Wäsche waschen oder auch das Essen jeweils einzeln über die Mitarbeiter der Sozialen Arbeit möglich. Die Auszahlung des Tagessatzes findet zwar weiterhin statt, wird aber nun wöchentlich ausgezahlt. Die Wärmestube bietet darüber hinaus zur Zeit werktags – außer donnerstags – zwischen 11 und 13 Uhr ein kostenloses Essen an.

Der Erfrierungsschutz hat aufgrund der Corona-Krise mittlerweile ganztägig geöffnet, sodass die Nutzer sich nicht mehr tagsüber im öffentlichen Raum aufhalten müssen. Gleichwohl seien die Menschen auf der Straße beziehungsweise im öffentlichen Raum im Blickfeld des Ursulaheims: „Wir versuchen mit den Menschen in Kontakt zu gehen, teilen die Nummern von den Mitarbeitern der Ambulanten Hilfe an die Menschen aus, um zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen.“

Auch gehe man mit den Bewohnern der Einrichtungen, den Nutzern der Ambulanten Hilfe und den Menschen im Erfrierungsschutz sowie im öffentlichen Raum ins Gespräch über die erforderlichen Schutzmaßnahmen und Anordnungen. Dabei sei  die Pflasterstube e.V.  eine große Hilfe und die medizinischen Fachkräfte des agj-Fachverbands seien sehr engagiert. Die „klassische“ sozialarbeiterische Arbeit nimmt ab, hat Julia Karlhuber festgestellt, die Arbeitsfelder verschieben sich hin zur Sicherstellung der Grundversorgung. Außerdem seien viele Gespräche notwendig, um die Schutzmaßnahmen kreativ umsetzen zu können.

Die Einrichtungsleitung und alle Mitarbeiter versuchen,  guten Kontakt mit den betroffenen Menschen halten: „Dies ist in dieser Zeit besonders zentral, da Unsicherheiten, Ängste; Einsamkeit und Depression jeden betreffen und es daher besonders wichtig ist, gerade jetzt dort genau hinzuschauen.“ Umso mehr freue man sich über vermehrte Anfragen, und nicht selten werde Hilfe angeboten, zumal die Mitarbeiter alle Hände voll zu tun hätten bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen sowie der Strukturierung von Tagesabläufen.

Sorge bereitet der Leiterin die Belegungsdichte im Erfrierungsschutz sowie in den kommunalen Notunterkünften der Stadt und des Kreises. Wohnraummangel ist bereits länger ein Thema und wird wie auch der Pflegenotstand in  Krisenzeiten deutlicher spürbar. Das räumliche Entzerren von  Gemeinschaftsunterkünften und das Bereitstellen von Einzelzimmern bleibe in dieser Zeit eine der wichtigsten Herausforderungen.

„Wir sind aber in einem guten Austausch mit dem Gesundheitsamt und auch mit den Ordnungsämtern, die für die kommunale Unterbringung zuständig sind, um die Versorgung aller in Not befindlichen Personen gewährleisten zu können“, erklärt Karlhuber.

 

Mit Corona-Abstand. Roger Honoré, Julia Karlhuber und Bärbel Wahl leiten das Ursula-Heim.