Presse
"Reizvoll und anstrengend"
Interview mit alten und neuen Leiter von Museum und Archiv im Ritterhaus
Herr Gall, wenn Sie zurückblicken, was war das ergreifendste Erlebnis Ihrer Amtszeit?
Wolfgang Gall: Der Besuch von 41 ehemaligen Zwangsarbeiter*
innen aus Russland, der Ukraine, Weißrussland und Polen im Jahr 2003. Ich hatte die Reise gemeinsam mit der VHS und den vier Landesstiftungen organisiert und begleitete die Gäste eine Woche lang rund um die Uhr. Ich erinnere mich an sehr emotionale Begegnungen und Erlebnisse mit ihnen.
Einen Mann aus der Ukraine begleiteten wir zu einem Friedhof bei Offenburg. Dort wollte er das Grab eines deutschen Bahnarbeiters sehen. Er kniete davor nieder und weinte bitterlich. Wir erfuhren, dass dieser ihm sein Leben gerettet hatte. Sein größter Lebenswunsch war es gewesen, das Grab seines Lebensretters noch einmal vor seinem Tod zu sehen und ihm zu danken.
Und worauf Sind Sie besonders stolz?
Gall: Es sind zwei Dinge: Dass wir die von der Museumskuratorin Anne Junk initiierte inhaltliche und gestalterische „Runderneuerung“ des Museums gemeinsam gemeistert haben, wofür das Museum im Ritterhaus im vergangenen Jahr mit dem Lotto-Museums-preis Baden-Württemberg 2019 ausgezeichnet wurde. Stolz bin ich auch auf die kritische Offenburger Erinnerungskultur, die wir gemeinsam mit der Fachbereichsleitung Kultur mit umfangreichen Veranstaltungsreihen und eigenen Forschungen weiterentwickeln konnten.
Der Nashorn-Raub soll Ihnen schlaflose Nächte bereitet haben – stimmt das?
Gall: Nerven gekostet hat mich tatsächlich der dreiste Nashorn-Diebstahl 2011. Innerhalb eines Tages brach über uns ein Medien-Tsunami herein. Alle bekannten Presse- und Fernsehmedien kamen zu uns. Höhepunkt war der Anruf des ZEIT-Korrespondenten Bartholomäus Grill aus Pretoria, den ich als Leser sehr schätze. Unser Museum wurde auf einen Schlag europaweit bekannt, allerdings nicht wegen einer ausgezeichneten Ausstellung, sondern wegen eines Diebstahls. Das musste ich zuerst einmal verkraften. Wenig später wurden die Täter, die zu einer Mafia-ähnlichen Gruppe gehörten, gefasst. Sie raubten die Hörner von Nashornpräparaten aus Museen und Privatsammlungen, um sie in Asien in Pulverform teuer zu verkaufen. Bei einer Verhandlung im Offenburger Landgericht musste ich eine Aussage machen und saß auf Augenhöhe nur wenige Meter von dem Haupttäter entfernt.
Träumten Sie während Ihres Geschichtsstudiums schon von der Museumsleitung – oder hatten Sie als junger Mann andere berufliche Vorstellungen?
Gall: Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich die väterliche Zahnarztpraxis fortführe. Da meine Abiturnote für das Zahnmedizinstudium nicht ausreichte, studierte ich nach dem Zivildienst Diplombiologie. Ich wechselte dann ohne Wissen meiner Eltern still und leise zu den Fächern Geschichts- und Politikwissenschaften. Da war dann nichts mehr mit Zahnmedizin. Später wollte ich Journalist werden mit dem Schwerpunkt „Internationale Politik“und sammelte in der Redaktion einer entwicklungspolitischen Zeitschrift wertvolle praktische Erfahrungen. Erst gegen Ende meines Magisterstudiums schwenkte ich um in Richtung Regional- und Wirtschaftsgeschichtegeschichte. Zu der damaligen Zeit machte man sich als Geisteswissenschaftler keine großen Hoffnungen auf eine feste Stelle. Ich sah meine Zukunft in einem Kommunalarchiv. Zum Museum fand ich erst Ende der 1990er Jahre. Die Museumsarbeit ist viel expressiver und experimenteller. Das war ein guter Ausgleich zur Archivarbeit. Meine Eltern brauchten lange, bis sie meinen Wechsel zu einem nach ihrer Ansicht „brotlosen“ Studienfach akzeptierten. Später fanden sie es sogar gut und waren ein wenig stolz auf meine Promotion. In hohem Alter gestand mir mein Vater, dass er es sogar besser fand, dass ich einen anderen Weg gegangen bin.
Und wie sah das bei Ihnen aus, Herr Reinbold?
Wolfgang Reinbold: Die berufliche Aussichtlosigkeit bestand zu meiner Zeit auch noch. Ich hatte keine feste Berufsvorstellung, als ich mit dem Studium von Geschichte und Französisch begonnen hatte. Ich bin meinen vielfältigen Interessen nachgegangen – mein Sohn wundert sich heute, was man damals alles zusätzlich machen konnte. Nach meiner Promotion habe ich für die Badische Zeitung geschrieben und engagierte mich später fürs Museum, vor allem für die Ausstellung „So oder anders“. Nach vielen Jahren bei der städtischen Pressestelle habe ich jetzt die Chance, noch einmal etwas Anderes zu machen – ich freue mich auf die Arbeit, die meinen Interessen sehr entgegenkommt.
Ein thematisch nicht eng geführtes Museum lässt sich mit einem Gemischtwarenladen vergleichen. Worin besteht der Reiz?
Gall: „Mehrspartenhaus“ klingt vielleicht etwas seriöser. Der Reiz liegt darin, dass wir den Besucher*innen eine breitere Palette an Themen präsentieren können. Auf der anderen Seite ist es ganz schön anstrengend, fachlich so unterschiedliche Themen zu bespielen.
Reinbold: Es gibt ganz viele Anknüpfungspunkte zur Alltagsgeschichte. Anhand von konkreten Gegenständen, etwa dem Merkur aus römischer Zeit, lässt sich die Geschichte, lassen sich Geschichten erzählen. Das ist die ganz große Stärke des Museums. Oder nehmen Sie die gegenwärtige Corona-Pandemie – mit der Spanischen Grippe haben wir etwas Vergleichbares gefunden und können damit zeigen, wie früher mit Krisen umgegangen wurde. Das finde ich sehr bereichernd.
Welchen Spielraum haben Sie?
Gall: Einen unheimlich großen Spielraum, sofern die Finanzen stimmten. Mein Team und ich haben die meisten Themen selbst gesetzt. Ich habe keinen Fall erlebt, dass „von oben“ bei kritischen Themen eingegriffen wurde. Bei der Verwaltungsspitze, dem Gemeinderat und den direkten Vorgesetzten stieß ich immer auf Anerkennung, Vertrauen und Unterstützung. Dafür wurde ich von Kollegen oft beneidet.
Reinbold: Nehmen wir den anstehenden Umbau des Salmen. Die Verwaltungsspitze und der Gemeinderat sind sich der politischen Dimension bewusst – das ist längst nicht selbstverständlich. Der Salmen, der bislang dem Kulturbüro zugeordnet war, gehört künftig zur Abteilung Museum/Archiv. Damit wird unser Spielraum vergrößert.
Wie wichtig ist der lokale Bezug?
Gall: Sehr wichtig. Makro- und Mikrogeschichte sind miteinander verwoben. Die großen Geschichtserzählungen lassen sich an den lokalen Bezügen greifbar und verständlich machen. Lokalgeschichte sollte verständlich, aber wissenschaftlich fundiert und nicht „heimattümmelnd“ daherkommen.
Reinbold: Dieser starke Stadtbezug und das Einbeziehen der Bürgerschaft waren ein Hauptgrund für den mit 20 000 Euro dotierten Museumspreis, den wir im vergangenen Jahr erhielten. Auch die landesweit beachtete Museumspädagogik, die genau hier ansetzt. Es geht uns um Integration, daher sind auch immer so viele Kinder und Jugendliche hier. Mit Ausstellungen zum Beispiel über hiesige Musikbands erreichen wir Menschen, die sonst nicht ins Museum kämen, und brechen das Image von der verstaubten Eule.
Herr Gall, Sie wechseln jetzt ja die Seite – vom Leiter zum Besucher: Was würden Sie sich gerne mal anschauen?
Gall: Hm, ich denke, Sportgeschichte wäre mal wieder fällig.
Wollen Sie diesen Wunsch erfüllen, Herr Reinbold?
Reinbold: Sehr gerne! Ich träume von einer Ausstellung zur Fußballgeschichte der Stadt. Es gab ja Zeiten, da boomte der Amateurfußball...
Gall: Na, das passt, wir haben noch die Fußballschuhe von Stadtrat Alfred Gailer...
Was haben Sie sich für die nächsten Monate vorgenommen?
Reinbold: Tja, derzeit hängt fast alles an der Corona-Krise. Da kann man sich viel vornehmen. Wenn wir das Museum wieder für das Publikum öffnen, wird das ein längerer Prozess, bis wir wieder zur Normalität kommen . Wir werden das oben bereits erwähnte Salmen-Projekt weiter vorantreiben, Ausschreibungen vornehmen und die Baumaßnahmen einleiten. Das Ausstellungskonzept soll demnächst spruchreif werden. Bis zu den Heimattagen im März 2022 wollen wir fertig sein.
Die Leitung des Archivs als Gedächtnis der Stadt gehört auch zu Ihrem Aufgabenbereich. Was war hier Ihr Hauptanliegen, Herr Gall?
Gall: Das Archiv hat große Verantwortung für die Stadtgesellschaft und Verwaltung und bietet auch viel historisches Erfahrungswissen. Das wurde in den vergangenen Jahren leider nicht immer ausreichend genutzt. Ich habe selbst beobachten können, wie in der Stadtverwaltung historisches Wissen über die eigene Stadt verloren gegangen ist und manchmal Verständnis, Respekt und Empathie gegenüber dem fehlen, was Kolleg*innen vor 20, 30 Jahren geschaffen haben. Es lässt sich überdies feststellen, dass es im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung im städtischen Raum sensible Zonen gibt, wo es – unabhängig von der Zeit – immer zu Widerständen kommt, wenn bauliche Veränderungen bevorstehen. Beispielsweise gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Proteste gegen die Fällung von Bäumen am Rande des Bahngrabens. Ich konnte während meiner Dienstzeit weitere zwei solcher Initiativen erleben. Sensibel ist der Bereich Grabenallee-Mühlbach. Da fallen mir gleich mehrere gescheiterte Anläufe ein, die am Bürgerprotest scheiterten.
Reinbold: Wobei man schon berücksichtigen muss, dass die Zeiten schneller geworden sind – und wenn das Geld für die Umsetzung von Projekten da war, wurde dann rasch gehandelt. Eins ist klar: Wir sehen uns nicht als Bremser, aber es ist uns ein großes Anliegen unser historisches Wissen bereichernd in die Diskussion einfließen zu lassen.
Mit welchen Neuerungen ist zu rechnen, Herr Reinbold?
Reinbold: Ich habe den Anspruch, die Zusammenarbeit innerhalb des Kulturbereichs zu intensivieren, mich für eine stärkere Verzahnung bei den Angeboten und Projekten einzusetzen.

Profiliert. Wolfgang Gall (l.) und Wolfgang Reinbold.
Wolfgang Gall
Geboren 3. November 1958 in Offenburg
2004-30.4.2020 Leiter der Abteilung Archiv und Museum der Stadt Offenburg
1991 Promotion in Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
1989-2004 Stadtarchivar, Stadt Offenburg
1986 Magister Artium an der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg
1979-1986 Studium Neue und Neueste Geschichte, Wissenschaftliche Politik und Volkskunde an der Albert-Ludwigs-Universität
2008-März 2020 Beirat im Museumsverband Baden-Württemberg
seit 2005 Mitglied in der Kommission für geschichtliche Landeskunde Baden-Württemberg
seit 2004 Mitglied im Salmenbeirat der Stadt Offenburg
Wolfgang Reinbold
Geboren 3. April 1964 in Emmendingen
Seit Mai 2020 Leiter der Abteilung Archiv und Museum der Stadt Offenburg
Seit März 2020 Beirat im Museumsverband Baden-Württemberg
2001-Dezember 2019 Pressestelle der Stadt Offenburg
1997-2001 Freie Mitarbeit Stadtarchiv, Museum im Ritterhaus und Badische Zeitung
1997 Promotion in Neuerer und Neuester Geschichte in Fribourg/Schweiz
1992 Magister Artium Romanistik/Geschichte in Freiburg im Breisgau
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