Von der Kraft der Vorstellung

- 22.05.2020 - 

KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM (I): Die „Tannenzapfen“ des Offenburger Künstlers Stefan Strumbel

 

Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, wird an vielen Stellen belohnt: mit Kunstgenuss unter freiem Himmel, ohne Eintritt, ohne Öffnungszeiten – und auch in Corona-Zeiten zu betrachten. Mit Stefan Strumbels „Tannenzapfen“ startet die Serie „Kunst im öffentlichen Raum“.

Imposant und überraschend fürs Auge sind sie, die „Tannenzapfen“ des Offenburger Künstlers Stefan Strumbel, die er 2016 an der hiesigen Hochschule für Technik, Wirtschaft und Medien platzierte. Der Künstler selbst formulierte dazu: „Ausgangspunkt meiner Überlegungen zu der Arbeit ,Vorstellungskraft ist wichtiger als Wissen‘ ist die Auseinandersetzung sowohl mit der Idee der Hochschule als auch mit der ästhetischen Gestaltung von Räumen, die den Austausch und die zwischenmenschliche Kommunikation fördern sollen.“

 

Das Werk an seinem Standort auf der Freifläche vor dem Gebäude B will den Platz als zentrale Idee einer Universität visualisieren. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf ein Zitat Albert Einsteins. Für Einstein umfasst Vorstellungskraft all das, was jemals zu wissen und zu verstehen sein wird. Das Wissen versteht er als generationsübergreifenden Prozess, der sich im Möglichkeitsraum des Verstehens bewegt. – Und Hochschulen wiederum spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Sie sind Orte, an denen Wissen erzeugt und vermittelt wird.

Die raumgreifende Arbeit Stefan Strumbels setzt an diesem Punkt an: Sie besteht aus zwei überdimensionalen Tannenzapfen mit dem Kettenzug einer Kuckucksuhr, gefertigt in Cortenstahl, einem Baustahl, dessen Oberfläche eine Rostschicht bildet und den Werkstoff dadurch vor weiterer Korrosion schützt. Das Material verleiht der Skulptur gleichzeitig auch einen einzigartigen Charakter. Der eine Zapfen steht senkrecht zum Firmament – der andere versinkt halb im Boden. Die stählernen Tannenzapfen sind 3,5 beziehungsweise 1,75 Meter hoch, das Gewicht der einzelnen Zapfen beträgt um die 560 sowie 290 Kilogramm, und sie wurden mit einem eingelassenen Betonsockel fundamentiert.

Das Motiv der Tannenzapfen spiegelt unsere Natur, seine kulturelle Übersetzung findet sich in der Form eines Chronometers der Kuckucksuhr. „Die Zeitmessung ist wahrscheinlich die wissenschaftlichste Errungenschaft schlechthin, da sie die grundlegenden Parameter des menschlichen Zusammenlebens regelt und steuert“, so der Künstler in seiner Werksbeschreibung. Aus einer philosophischen Perspektive betrachtet, symbolisiere die Zeit das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend zur Zukunft hin. Zeit und Wissenschaft sind im weitesten Sinne Aufgaben, die eine Hochschule zu erfüllen sucht. Der Standort des Kunstwerks in der Sichtachse der Mensa spielt zudem auf den ursprünglichen Platz der Kuckucksuhr ab: Das war in vielen Häusern des Schwarzwalds die Küche.

Offenburgs Kunstkustodin Gerlinde Brandenburger-Eisele äußert sich, wie folgt: „Diese ganz besonderen Tannenzapfen Stefan Strumbels wecken Neugier und erregen Aufmerksamkeit, sie locken durch ihre übergroße Form und Gestalt sowie durch ihr hochästhetisches Material.“ Über sie lädt der Platz ein zum Verweilen, zum Treffen, zum Austausch – eine wichtige Bedingung für das Entstehen neuer Ideen und kreativer Handlungsmöglichkeiten.