Lockdown Room 23

- 30.07.2020 - 

Annette Müller wäre nicht Annette Müller, wenn sie die Coronakrise nicht kreativ genutzt hätte: Die Offenburger Regisseurin und Theatermacherin hat eine interaktive Video-Sound-Installation entwickelt – ihr zur Seite standen Leonard Küßner, der sich um Sound und Komposition kümmerte, und Jonathan Rieder, der die Videoaufnahmen übernahm.

Quelle: Gertrude Siefke


 

Herausgekommen ist ein 40-Minuten-Stück für zwei Zuschauer/innen, mit dem die Zeit des Lockdown aufgearbeitet und reflektiert wird: Auf der Basis von Interviews mit 23 Menschen ist ein kompaktes Werk entstanden, das im früheren Vorratsraum fürs inzwischen stillgelegte Café im Ritterhaus gezeigt wird. Ausgestattet wird die Räumlichkeit mit Gegenständen der 23 Mitwirkenden – sodass eine echte Wohnzimmeratmosphäre entsteht. Die Besucher werden „ganz stark eingebunden“, wie Annette Müller bei der Vorstellung ihres neuesten Projekts Ende Juli versicherte. Die Aufgaben seien jedoch alle machbar, fügte sie lachend hinzu.

Es war Freitag, der 13. März 2020. In den Nachrichten wurde verkündet, dass die Schulen geschlossen werden. Für Annette Müller, die gerade an der Produktion „Ab in die Zukunft“ arbeitete, war rasch klar: „Wir können nicht weiterproben.“ Alles wurde auf Eis gelegt. Ein „historischer Moment“, sagt sie rückblickend. So etwas habe es noch nie gegeben. Schon bald war die Idee geboren, mit Zeitgenossen virtuell Kontakt aufzunehmen und sie um ein Stimmungsbild zu bitten. Die meisten kommen aus Offenburg, es sind aber auch Leute aus Karlsruhe, Freiburg, Schallstadt, Pforzheim und den USA darunter. Was Corona für sie bedeute? Die Antworten sind weit gefächert: von sozialer Einschränkung über Veränderung bis zu Entschleunigung. Die betagteste Teilnehmerin stellt fest: „Dass ich jetzt einen Kalender habe – ohne Termine.“ Was bedeutet Zuhause-Sein? Da reicht die Palette von „Luxus“ über „gefangen in den eigenen vier Wänden“ bis „Unterschlupf“.

Dass sich eine Vorstellung lediglich an zwei Besucher/innen richtet, bezeichnet Müller „betriebswirtschaftlich eine Katastrophe“. 16 Zuschauer in acht Stunden, das sei „unglaublich uneffektiv“. Daher freue sie sich besonders über die vielen Unterstützungen, angefangen bei der Bürgerstiftung St. Andreas, die sich mit 4000 Euro beteiligt. Der Sprecher des Vorstands, Armin Fink, erklärte, dass das Stiftungsziel sei, die Solidargemeinschaft zu stärken und das Leben in der Stadtgesellschaft lebenswerter zu machen – daher passe das Engagement. Ulrich Kleine, Präsident des Rotary Clubs Offenburg, unterstrich ebenfalls den starken gesellschaftlichen Bezug. „Das Stück passt zu uns.“ Kulturchefin Carmen Lötsch sprach vom „richtigen Projekt für diese Zeit“. Und VHS-Geschäftsführer Walter Glunk hatte von Beginn an keinen Zweifel, dass das Vorhaben gelingen werde: „Wir arbeiten seit Jahren erfolgreich mit Annette Müller und ihrem Team zusammen.“ Für den Chef von Museum und Archiv, Wolfgang Reinbold, stand ebenfalls gleich fest, die Produktion zu unterstützen und den Raum zur Verfügung zu stellen: Zwar sei die Coronakrise noch nicht Geschichte, aber sie zeige auf, wie schnell es zu Veränderungen kommen könne. Und das Museum belege mit seinen Ausstellungen und Fundstücken, dass es oft schon Krisenzeiten gegeben habe. Weitere Förderer sind der Fonds Soziokultur und die Junge Theaterakademie. Jürgen Albrecht hat die Plakate entworfen, Heidrun Schlegel leitet die Produktion.

 

Wer sich für die Installation interessiert, die vom 19. September bis 11. Oktober gezeigt wird, kann unter http://annettemuellertheater.de/ einen Platz reservieren. Der Eintritt ist frei.