Abschied vom sozialen Urgestein

- 11.12.2020 - 

Mit Michael Hattenbach geht der langjährige Fachbereichsleiter Schulen und Soziales Ende 2020 in den Ruhestand

Für Bürgermeister Hans-Peter Kopp wurde am Freitag ein „soziales Urgestein der Stadt“ in den Ruhestand verabschiedet – coronabedingt im kleinen Rahmen mit OB Marco Steffens und Bürgermeister Kopp im Salmen. Ein Gespräch mit Michael Hattenbach.

Herr Hattenbach, gibt es ein Motto, das Sie durch Ihr Berufsleben begleitet hat?

Michael Hattenbach: Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut.

Mit welchen Begriffen würden Sie sich und Ihre Art, Dinge anzupacken, beschreiben?
Hattenbach: Eigeninitiativ, verantwortungsbewusst, ziel- und faktenorientert, zuweilen impulsiv. Fremd- und Eigeneinschätzung stimmen da überein (lacht).

Hat Ihr Arbeitsethos auf Ihre vier Kinder abgefärbt? Was haben Sie vorgelebt?
Hattenbach: Ich habe den Eindruck: sehr stark. Nicht nur die berufliche Orientierung, sondern auch der Einsatz für die Arbeit und für andere. Dabei bin ich aber immer nach dem Motto vorgegangen: Ein guter Pädagoge hat nicht die Hand, die führt, sondern den Arm, auf den man sich stützen kann.

Was waren bei den einzelnen Stationen Ihres Berufslebens die prägendsten Erfahrungen, die wichtigsten Projekte?
Hattenbach: Im Jugendamt, meiner Traumstelle, war es die Geltendmachung von Ansprüchen nichtehelicher Kinder – und zu sehen, wie dies sich unmittelbar positiv auswirkte. Als Personalratsvorsitzender setzte ich mich für die Kolleginnen und Kollegen ein, das hatte unmittelbare Auswirkungen auf deren Arbeitsbedingungen. 1994 gab die Stadt 65 Mitarbeiter/innen des Sozialamtes, des Jugendamtes und des Sozialen Dienstes an den Ortenaukreis ab. Ich war Vorgesetzter und Repräsentant des neuen Arbeitgebers, zu dem man nicht wechseln wollte. Eine Riesenaufgabe in Bezug auf Konzept-, Personal- und Organisationsentwicklung ... Schließlich die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe (Arbeitsagentur) und Sozialhilfe (Kreis) und der Aufbau neuer Strukturen für die Qualifizierung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen ab 2005 in kommunaler Hand war erneut eine Riesenaufgabe in Bezug auf Konzept-, Personal- und Organisationsentwicklung.

2011 landeten Sie dann bei der Stadt – welche speziellen Herausforderungen gab es hier?
Hattenbach: Der Start bei der Stadt war geprägt von der Übernahme eines gut bestellten Feldes. Trotzdem konnten dann Akzente gesetzt werden: starker Ausbau der Kinderbetreuung, Schulstrukturentwicklungen, Ausbau der Ganztagsschulen, bauliche Verbesserung der Unterrichtssituation an den Schulen, Ausbau des Netzes an den Stadtteil- und Familienzentren, Ausbau der Schulsozialarbeit, Konzeptentwicklungen – und schließlich die Entwicklung der Integrationsarbeit und Bewältigung der ungeplanten Migration, insbesondere 2015.

Was lag Ihnen besonders am Herzen?
Hattenbach: Eines meiner wichtigsten Themen ist die Chancen- und Bildungsgerechtigkeit. Ich stamme aus einem Arbeiterhaushalt und habe durch meine Eltern die Chance zum Aufstieg erhalten. Auch wenn das für viele Jüngere nicht vorstellbar ist: Aus meinem Jahrgang in Weier war ich der einzige, der das Gymnasium besuchte. Meiner Meinung nach müssen wir dafür sorgen, dass alle Kinder ihrer Neigung und ihren Talenten gemäß gefördert werden. Dass es da eine Verschiebung von Aufgaben von der Familie zum „Staat“ gibt, mag man bedauern: Es ist unsere Pflicht und unser Interesse, die Entwicklung der Kinder zu fördern.

Fällt der Abschied schwer?
Hattenbach: Ich kann mich gut von meinen Aufgaben trennen, auch wenn ich so manches Projekt noch gerne bis zum Ende bringen wollte. Es ist aber für eine gute Nachfolge gesorgt. Schwerer fällt mir die Trennung von Menschen, mit denen in ich in den vergangenen Jahren zusammen gearbeitet habe und zu denen auch eine emotionale Bindung entstanden ist.

Sie waren auch im Corona-Krisenstab – ein Wort dazu?
Hattenbach: Die Zusammenarbeit im Stab und darüber hinaus hat bisher zu jeder Zeit sehr gut funktioniert. Viele Kolleg/innen sind bei den steigenden Anforderungen über sich hinausgewachsen. Mittlerweile haben wir ein professionelles Management aufgebaut.

Wofür sind Sie dankbar?
Hattenbach: Ich bin in meiner Grundhaltung dankbar dafür, dass ich mich an dieser Stelle für das Gemeinwesen der Stadt Offenburg und seine Einwohner/innen einsetzen durfte. Allen, die sich intern und extern mit denselben Zielen engagieren, danke ich für die konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Und ich bin natürlich dankbar dafür, dass ich trotz meiner schweren Erkrankung wieder mit einer hohen Lebensqualität dabei sein kann.

Was wünschen Sie der Stadtverwaltung Offenburg?
Hattenbach: Offenburg ist mit seiner Verwaltung auf einem guten Weg. Die vorbildliche Serviceorientierung beizubehalten und dabei die digitalen Dienste weiter zu verbessern, das wäre mein Wunsch.

 

Kurzvita

Aufgewachsen in Weier mit drei Schwestern, Besuch des Okengymnasiums, Studium an der Fachhochschule Kehl, Abschluss Diplom-Verwaltungswirt. Berufliche Stationen: Jugendamt, Personalratsvorsitzender Ortenaukreis, Sozialdezernat, Jobcenter Ortenaukreis. 1989-2009: Ortsvorsteher Weier. In zweiter Ehe mit Claudia Zurmühl verheiratet, drei Söhne, eine Tochter, drei Enkel.