Sternstunden - düstere Stunden

 Quelle:  Stadt Offenburg
Beitrag von Ralf Burgmaier - Badische Zeitung Online, 14.09.2002
 

Der "Salmen" in Offenburg war Schauplatz von Sternstunden und düsteren Stunden der deutschen Demokratie

 

Richard Schindler kennt sich aus mit Dingen, die der Welt abhanden kommen. Er ist ein echter Experte auf diesem Gebiet. Der Freiburger Künstler bietet Exkursionen durch den Stadtteil Wiehre an, aber auch in Tokio wurden schon seine Dienste gebucht. Der Mittfünfziger durchstreift Straßen und öffnet seinen Begleitern die Augen: für verlorene Schnuller, einen Wollhandschuh, ein herrenloses Fahrradschloss, ein weggeworfenes lila Schokoladenpapier. Weniger die Fundstücke selbst interessieren, vielmehr, wie deren Finder sie neu inszenieren. Sie werden auf Mauern gelegt, auf Zäune gespießt oder in Glycinienranken verwunden und entfalten neues Eigenleben - als Stillleben der Erinnerungskultur.

 

Auch der "Salmen"-Saal in Offenburg war der Welt abhanden gekommen. Und vielleicht lag ja hier der geheime Ursprung von Richard Schindlers Künstlerleidenschaft. Vor mehr als 25 Jahren war Schindler in der Offenburger Lange Straße bei einem Elektriker in die Lehre gegangen. Über den Hinterhof und eine schmucke Steintreppe erreichte man das Lager des Elektrofachhandels. Fast täglich ging der Stift dort ein und aus - ohne zu ahnen, auf welchem geschichtsträchtigen Boden er sich bewegte.

 

Da ging es ihm nicht anders als den meisten Offenburgern. Und man kann sich das innere Erdbeben ausmalen, das den Künstler erschütterte, als er im Jahr 1997 anlässlich des Offenburger Freiheitsfests, mit dem die Stadt ihre wiederentdeckte Vorreiterrolle der 1848er-Revolution in Baden feierte, erfuhr, dass sein ehemaliger Arbeitsplatz der "Salmen"-Saal war.

 

Am 12. September 1847 hatten Friedrich Hecker und Gustav Struve im "Salmen"-Saal eine Volksversammlung einberufen, die mit der Verabschiedung der 13 Offenburger Forderungen endete. Die Veranstaltung hatte etwa zwei Stunden zuvor, kurz nach 13 Uhr, im Kreis von 200 Gästen mit einem einfachen Mittagsmahl in der Gaststube des Wirtshauses "Salmen" begonnen.

 

Doch dann werden die Türen zum großen Saal geöffnet, und, so ist überliefert, mehrere Hundert Menschen "aller Klassen, Handwerksgesellen, Fuhrleute, Bauernknechte", ja "sogar auch Weibsleute, sowohl vom gebildeten, als auch ungebildeten Stand", drängen sich noch zusätzlich hinein, um die angekündigten Reden der Oppositionsführer im badischen Parlament, Hecker und Struve, zu hören. Schließlich tritt Hecker vor die Versammlung.

 

Einer der zahlreichen Spitzel, die die Staatsmacht zu dieser Versammlung entsandt hatte, hat den Wortlaut überliefert: "Wir haben in dieser vor mir liegenden Karte, gleich einer magna carta, diejenigen Punkte aufgenommen, welche wir für eine wahre Volksfreiheit unentbehrlich halten. Wir wünschen, dass sie dem Inhalte dieser Karte Ihre Beistimmung verleihen möchten durch ein lautes Ja". Nachdem Friedrich Hecker die entworfenen 13 Artikel verlesen hat, antwortet ihm ein fast einstimmiger Ja-Schrei der etwa 900 Zuhörer.